Wissenswertes >>> Traumforschung

Traumforschung

Die westliche Welt ist durch die philosophische Position des modernen Materialismus geprägt. Dies liegt ganz wesentlich daran, dass die Naturwissenschaften den Eindruck vermittelt, dass diese Position gut begründet ist. Auch wenn dieses objektiv betrachtet nicht zutrifft. Der moderne Materialismus ist eine ontologische Position, die alle Phänomene und Vorgänge in der Welt auf Materie und die zwischen der Materie möglichen Wechselwirkungen zurückführt. Dem Materialismus liegt im Kern somit die Vorstellung zugrunde, dass es kleinste elementare Einheiten (Enitäten) gibt, aus denen die Welt aufgebaut ist und alle Phänomen und Vorgänge in dieser, durch Wechselwirkungen (Prozesse bei denen Energie ausgetauscht wird) zwischen diesen elementaren Einheiten, erklärt werden können.

Auch im Rahmen der Bewusstseinsforschung geht man daher davon aus, dass das Bewusstsein und alle diesem zugeschriebenen Eigenschaften lediglich als emergente Eigenschaft entsteht, wenn hinreichend viele, hinreichend komplexe materielle Strukturen (Nervenzellen) über Wechselwirkungen geeignet interagieren. Kurz gesagt: Ohne Materie kein Geist, kein Bewusstsein. Zu der Frage, was man denn unter Bewusstsein zu verstehen hat und wie dieses als emergente Eigenschaft aufgrund von wechselwirkenden Nervenzellen entstehen soll, hat die Bewusstseinsforschung bis heute weder einen Lösungsansatz, noch konkrete Vorstellungen. Man behilft sich dann damit, dass man die Erforschung des Bewusstseins zwar als Ziel benennt, konkret jedoch ausschließlich die Eigenschaften des Gehirns und dessen Bestandteile untersucht. In der Hoffnung, irgendwann einmal einen brauchbaren Ansatz zu finden. Der Philosoph Karl R. Popper bezeichnet diesen Standpunkt daher treffend als „Schuldscheinmaterialismus“ oder „versprechenden Materialismus“.

Einen Weg wie man das menschliche Bewusstsein erforschen kann, zeigt uns der Buddhismus, insbesondere die Praxis des Traumyoga auf. Der Buddhismus wird in der Regel als Religion aufgefasst. Das ist jedoch ein Missverständnis. Der Dalai Lama hat hierzu immer wieder betont, dass die Lehren des Buddhismus letztlich keine Religion, sondern die Wissenschaft des Geistes sind.

Im Unterschied zum, der westlichen Kultur zugrunde liegenden, modernen Materialismus geht die buddhistische Philosophie davon aus, dass das Bewusstein die Voraussetzung für das Leben ist und dass der Körper mit dem Bewusstsein zwar interagiert, nicht jedoch die Quelle des Bewusstseins ist. Was wir normalerweise Geist nennen, gilt im Buddhismus als „denkender Geist“, die unerschöpfliche Quelle von Ideen, geistigen Bildern, Einschätzungen, Einfällen und Lösungswegen, die spontan unseren Geist speist (Jack Kornfield; Das Weise Herz; S. 60, 61; ISBN 978-3-442-33812-2).

Der buddhistischen Praxis des Traumyoga liegt die Vorstellung zugrunde, dass der Denkende Geist unser Bewusstsein stark einschränkt. Insbesondere im wachen Zustand (Wachbewusstsein). Eine dieser Vorstellung sehr nahekommende Vorstellung wird auch von einigen wenigen Philosophen aus dem westlichen Kulturkreis vertreten. Der Dichter und Philosoph Aldous Huxley schreibt hierzu: Wenn ich über mein Erlebnis nachdenke, muss ich dem Philosophen C. D. Broad in Cambridge beipflichten, „dass wir gut daran täten, viel ernsthafter, als wir das bisher zu tun geneigt waren, die Theorie zu erwägen, die Bergson im Zusammenhang mit dem Gedächtnis und den Sinneswahrnehmungen aufstellte, dass nämlich die Funktionen des Gehirns, des Nervensystems und der Sinnesorgane hauptsächlich eliminierend arbeiten und keineswegs produktiv sind. Jeder Mensch ist in jedem Augenblick fähig, sich all dessen zu erinnern, was ihm je widerfahren ist, und alles wahrzunehmen, was irgendwo im Universum geschieht. Es ist die Aufgabe des Gehirns und des Nervensystems, uns davor zu schützen, von dieser Menge größtenteils unnützen und belanglosen Wissens überwältigt und verwirrt zu werden , und sie erfüllen diese Aufgabe, indem Sie den größten Teil der Informationen, die wir in jedem Augenblick aufnehmen oder an die wir uns erinnern würden, ausschließen und nur die sehr kleine und sorgfältig getroffene Auswahl übrig lassen, die wahrscheinlich von praktischem Nutzen ist“ (Die Pforten der Wahrnehmung; Himmel und Hölle; Seite 19; ISBN 3-3492-20006-0).

Weiter geht man in der Praxis des Traumyoga von der Annahme aus, dass der, das Bewusstsein einschränkende, Denkende Geist im Schlaf und im Traum weitaus weniger aktiv ist als im Wachzustand, und wir daher im Traum zu Wahrnehmungen fähig sind, die uns im Wachzustand versagt bleiben. Wir können im Traum unser Bewusstsein und unsere Wahrnehmung somit sehr effektiv erweitern und schulen.

In einem ersten Schritt durch das Erlernen des luziden Träumens. Mit den sich erweiternden Fähigkeiten unserer Wahrnehmung kann sich unsere universelle Dimension unseres menschlichen Daseins dann mehr und mehr entfalten. Wenn es gelingt, den in der buddhistischen Philosophie beschriebenen, weitergehenden Entwicklungsschritt des gemeinsamen luziden Träumens unter kontrollierten Bedingungen zu bestätigen, wäre dieses ein starkes Indiz dafür, dass die philosophische Position des modernen Materialismus nicht der Bewusstseinsforschung als philosophische Basis zugrunde gelegt werden kann.

Leider wird die Fragestellung, auf welche Art und Weise das Bewusstsein mit der physikalischen Welt, insbesondere mit unserem Gehirn, in Verbindung steht, im Rahmen der buddhistischen Philosophie nicht untersucht. Dieses ist sicher mit ein Grund dafür, warum man sich im Rahmen der Naturwissenschaften so schwer tut, das im Buddhismus über das Bewusstsein zusammengetragene Wissen adäquat zu bewerten.

Einen Weg, wie man das im Rahmen des Buddhismus zusammengetragene Wissen über unseren Geist, unser Bewusstsein mit dem im Rahmen der Bewusstseinsforschung zusammengetragenen Wissen über das Gehirn und dessen Bestandteile zusammenführen kann, könnte die Traumforschung aufzeigen.

Legt man den, im Rahmen der buddhistischen Philosophie erarbeiteten Standpunkt, dass unser Denkender Geist, unser Ego, unser Ich im Schlaf und im Traum weitaus weniger aktiv ist als im Wachzustand, der Bewusstseinsforschung als Arbeitshypothese zugrunde, eröffnen sich grundsätzlich neue Möglichkeiten unseren Geist, unser Bewusstsein im Rahmen der Naturwissenschaften zu erforschen. Es werden dann Fragestellungen möglich, die im Rahmen eines materialistischen Weltbildes keinen Sinn ergeben. Wie etwa die Fragen, „sind unsere Erinnerungen im Gehirn gespeichert“, oder „wann wirkt unser Geist auf unser Gehirn und dessen Bestandteile ein und wie macht sich dieses bemerkbar“, oder „auf welche Art und Weise bringt unser Gehirn und dessen Bestandteile den Denkenden Geist hervor oder beeinflusst diesen“ und „wie wirkt sich der einengende Einfluss des Denkenden Geistes auf unseren Geist, auf unser Gehirn und dessen Bestandteile aus“.

Die Traumforschung könnte uns beispielsweise einem grundsätzlichen Verständnis zu der Art der Interaktion von unserem Geist, unserem Bewusstsein mit unserem Gehirn und dessen Bestandteilen näher bringen. Hierfür stehen der Traumforschung etablierte Technologien zur Verfügung. Die gängige Technologie zur Erfassung der Schlafphasen ist die Schlafpolygraphie (Polysomnographie). Bei der Schlafpolygraphie werden die nächtlichen Schlafphasen mittels EEG (Elektroenzephalogramm), EOG (Elektrookulogramm) und EMG (Elektromyogramm) bestimmt. Untersuchungen an buddhistischen Mönchen haben gezeigt, dass im EEG charakteristische Änderungen auftreten, wenn sich diese in eine tiefe Zen-Meditation versenken (Sekida; Zen-Training, Seite 71,72; Herder; ISBN 3-451-04184-7). Diese Untersuchungen zeigen, dass der mentale Zustand eines Menschen grundsätzlich durch Übung beeinflusst werden kann. In einem seit etwa fünf Jahren laufenden Forschungsprojekt gehen wir in unserem Hause der Frage nach, in welcher Art und Weise die in der REM-Phase (Rapid Eye Movement) auftretenden Augenbewegungen mit dem mentalen Zustand korrelieren und ob diese Korrelationen mental beeinflussbar sind.

Die bei Säugetieren (und hierzu zählt auch der Mensch) für die REM-Phase charakteristischen sehr schnelle Augenbewegungen mit kleiner Amplitude könnten hierfür der Schlüssel sein. Versuche an Ratten (Sanchez-Lopez A, Escudero M. An accurate and portable eye movement detector for studying sleep in small animals; J. Sleep Res. 2015; 24; 466-473), bei denen die Bewegungen der Augen mittels der SSC Technik (Scleral Search Coil) erfasst wurden, haben gezeigt, dass die für die REM-Phase charakteristischen sehr schnelle Augenbewegungen mit kleiner Amplitude grundsätzlich sehr präzise erfasst werden können. Da diese Bewegungen nur in der REM-Phase auftreten, stellt sich die Frage, welchen Zweck diese haben. Auch stellt sich die Frage, ob diese mental beeinflussbar sind oder vom Gehirn autonom, ohne einen direkten Bezug zu unserem Geist, unserem Bewusstsein, durchgeführt werden.

Um diese Fragen angehen zu können, haben wir als Arbeitsgrundlage die folgende Hypothese aufgestellt: Wenn man davon ausgeht, dass sich die REM-Phase durch das Auftreten von visuellen Träumen von anderen Schlafphasen unterscheidet, so liegt die Vermutung nahe, dass die in der REM-Phase auftretenden schnellen Bewegungen der Augen die Bemühungen des Träumenden widerspiegeln, die Augen entsprechend den wahrgenommenen Trauminhalten zu bewegen. Da nun aber im Schlaf die optischen Eingangssignale fehlen, ist es der schlafenden Person nicht möglich, eine den Trauminhalten entsprechende Bewegung der Augen auszuführen, da die Augen sich im Schlaf nicht auf physikalische Objekte zielgerichtet ausrichten können. Stellt man sich das Ausrichten der Augen als einen Vorgang vor, bei dem das Gehirn versucht, mittels schneller Bewegungen der Augen mit kleiner Amplitude die optimale Ausrichtung der Augen zu ermitteln, so können schnelle Bewegungen der Augen mit kleiner Amplitude zur Analyse der in der REM-Phase ablaufenden mentalen Prozesse herangezogen werden.

Wenn diese Hypothese zutrifft, müssten diese schnellen Augenbewegungen aufgrund von autonom ablaufenden Prozessen im Gehirn auftreten. Ohne dass unser Geist, unser Bewusstsein daran beteiligt ist. Unser Geist, unser Bewusstsein löst dann diese Prozesse lediglich aus.

Da die Technik der SSC, aufgrund der erforderlichen Randbedingungen, nicht zur routinemäßigen Überwachung der Traumphasen eingesetzt werden kann, haben wir im Rahmen eines vom BMWi geförderten Forschungsprojektes (ZF 4050001 DB5) eine Sensorbrille entwickelt, die diese schnellen Augenbewegungen mit kleiner Amplitude sicher erkennen kann, bei geeigneter Ausführung einfach zu handhaben ist und somit grundsätzlich auch routinemäßig zur Überwachung der Schlafphasen eingesetzt werden kann (Download-Link: SCHLAF 2/2018; 7:76-80).

Sollte gezeigt werden können, dass mit zunehmender Luzidität im Traum diese schnellen Augenbewegungen mit kleiner Amplitude verschwinden, so wäre dieses ein klares Indiz dafür, dass unser Geist, unser Bewusstsein dann nicht mehr so stark mit unserem Körper interagiert und wir unsere Aufmerksamkeit zielgerichtet dem Körper zuwenden können oder diese vom Körper abwenden können.

Ich hoffe, diese kurzen Erläuterungen haben Ihr Interesse an der Traumforschung geweckt und ich konnte Ihnen das Potenzial, das die Traumforschung im Hinblick auf die Erforschung des Bewusstseins in sich birgt, näher bringen.

Winnenden, 19.07.2019

Gerhart Schroff

Kontakt: schroff@gemtec-online.com